Ein Politikwissenschaftler „avant la lettre”? Wilhelm Hasbach

von Christian Patz und Mareike Rehse 

Wilhelm Hasbach – vom Nationalökonom zum Politikwissenschaftler?
Als einstiger Schüler des Nationalökonomen Gustav Schmoller hat sich Wilhelm Hasbach auch in seiner Kieler Zeit (1893-1906) als Ordinarius für wirtschaftliche Staatswissenschaften neben der Nationalökonomie immer wieder mit Fragen staatswissenschaftlichen Inhalts auseinandergesetzt. Ganz im Sinne eines älteren Verständnisses von der Lehre der Politik, welche diesen Gegenstand noch nicht in einer eigenständigen Disziplin verortet sah, ist der Wandel Hasbachs vom Nationalökonomen zum „Politikwissenschaftler“ dabei bereits in seiner Zugehörigkeit zur historischen Schule der Nationalökonomie angelegt. Diese untersagte mit ihrem Ansatz der Beschreibung sozial(-politischer) Erscheinungen jegliche Beschränkung auf rein wirtschaftliche Erklärungsräume und hielt vor diesem Hintergrund das Wirtschaftliche mit dem Sozialen und Politischen für untrennbar verwoben.

Buchdeckel: Die parlamentarische Kabinettsregierung, eine politsche Beschreibung, Stuttgart 1919.

Hauptwerke
Die im weiteren Sinne „politikwissenschaftlichen“ Hauptwerke Hasbachs sind „Die moderne Demokratie – Eine politische Beschreibung“ von 1912 und „Die parlamentarische Kabinettsregierung – Eine politische Beschreibung“ von 1919, welche nicht nur von Zeitgenossen, sondern auch von Politikwissenschaftlern wie Klaus von Beyme, Ferdinand A. Hermens, Ernst Fraenkel und Karl Loewenstein rezipiert wurden. Markus Llanque urteilt in seiner Dissertation 1997, die Studie über die „Moderne Demokratie“ sei „die bis dahin umfassendste deutschsprachige Schrift zur Geschichte und zum Erscheinungsbild der Demokratie in seiner Gegenwart. […] Damit war er zugleich der vielleicht kenntnisreichste Demokratietheoretiker des Kaiserreichs“.

Demokratie- und Herrschaftsverständnis
Wilhelm Hasbachs Haltung zur Demokratie ist aus heutiger Sichtweise zunächst verwunderlich, gilt die repräsentative Demokratie in unseren Tagen als Errungenschaft und beinahe selbstverständlich als Idealtypus eines Herrschaftssystems. Erstaunlich aus heutiger Perspektive mutet daher vielleicht Hasbachs Urteil über den „Obrigkeitsstaat“ an. So stellt er in seinem wichtigsten Werk über die „Moderne Demokratie” fest, dass „Freiheit und Gleichheit als normative Leitvorstellungen des demokratischen Gedankens in der konstitutionellen Monarchie ihren angemessensten institutionellen Rahmen“ finden. Sein Werk und seine Ansichten zeugen demnach von der Demokratieskepsis eines „sozialen Monarchisten“. Eine „obrigkeitsstaatliche Tradition“ scheint bei Hasbach als unterschwellige Konstante herrschaftspolitischen Denkens fortzubestehen. Ob Wilhelm Hasbach als Politikwissenschaftler „avant la lettre” bezeichnet werden kann, bleibt auch abhängig von der Frage, ob man Demokrat sein muss, um Politikwissenschaft betreiben zu können.
Franz Schnabel schreibt in einer Rezension 1915 über die „Moderne Demokratie”: „Auch wer sich mit dem sachlichen Inhalt und dem politischen Resultate des Buches nicht immer identifizieren möchte, wird doch anerkennen müssen, daß das Werk eine Bereicherung der politischen Wissenschaft darstellt.“

Buchdeckel: Die moderne Demokratie, eine politische Beschreibung, 2. erw. Aufl., Jena 1921.

Hasbach über die Demokratie:
Wir haben nun gesehen, daß die Mehrheitsherrschaft tatsächlich nicht selten die Herrschaft der Minderheit ist, was die Ungereimtheit des demokratischen Majoritätskultes noch schärfer hervortreten läßt. Bestenfalls ist sie zweckmäßig. Dies vermag aber nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die Herrschaft der Mehrheit in ihrem innersten Wesen undemokratisch ist. Die Mehrheit herrscht, aber die Minderheit muß sich fügen, ihr Wille gilt für nichts.“

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